Logo NFP 54
Titel NFP 54
Interner Bereich
deu | eng | fra
Kommunikation > Newsletter
Newsletter

NFP 54 Newsletter
Ausgabe 1 - Februar 2007

EDITORIAL
THEMA
FOCUS
AKTUELL



Editorial von Prof. Dr. Eugen Brühwiler
Präsident der Leitungsgruppe des NFP 54

Es ist offensichtlich: in der Schweiz wird wieder gebaut wie selten zuvor. Auf der grünen Wiese wachsen Einkaufszentren und Industrieanlagen. Bestehende Bauwerke und Infrastrukturanlagen werden modernisiert und erweitert, um unsere veränderten Bedürfnisse nach Versorgung, Entsorgung und Mobilität zu erfüllen.
Andere Bauwerke werden abgerissen und ersetzt, als wären es Wegwerfartikel. Ungebremst breiten sich Siedlungsräume in bisher noch unberührte Gebiete aus, wodurch der Verbrauch von Land, Materialien und Energie weiter ansteigt.
Der Bauboom von heute gleicht jenem der 1960er und 1970er Jahre. Und nichts deutet darauf hin, dass die Entwicklung heute nachhaltiger erfolge als damals. Trotzdem schauen die meisten Akteure weg. Jeder fühlt sich als unbedeutender Teil in einem mächtigen Komplex. Wohin soll diese scheinbar willkürliche Entwicklung führen?
Das Nationale Forschungsprogramm 54 «Nachhaltige Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung» konzentriert sich auf diese Frage und ist somit höchst aktuell. Die Forschungs- projekte erweitern das Wissen darüber, wie sich die Grundsätze der Nachhaltigkeit in die Entwicklung der bebauten Umwelt einbringen lassen. Das Programm als Ganzes reagiert damit auf die Anforderungen einer modernen Gesellschaft.
Die Frage stell sich allerdings, ob angesichts des gegenwärtigen Baubooms nicht auch das NFP 54 der Entwicklung ohnmächtig ausgeliefert ist. Kann es mehr sein als nur gut gemeint? Ich meine ja. Denn das Programm zielt darauf ab, echte Wirkung zu erzielen.
Es genügt nicht, wenn wir als Forschende unsere Ergebnisse einfach in Berichten ablegen. Wir haben die Verantwortung – und mit dem NFP 54 auch das Mittel – unsere Erkenntnisse, Modelle und Ideen direkt den Akteuren zu vermitteln: der öffentlichen Verwaltung und der Politik, der Wirtschaft und der Bauherrschaft. Dies soll auf so verständliche und überzeugende Art geschehen, damit die Angesprochenen unsere Resultate in konkrete Massnahmen umsetzen können und wollen. Dazu müssen wir aber raus aus unseren Forschungsinstituten und in Amtsstuben, bei Firmen und Investoren Überzeugungsarbeit leisten. Scheuen wir uns nicht, selbst zu Akteuren zu werden. Denn wir liefern die Grundlagen für dringend notwendige, praxistaugliche Instrumente, die für eine nachhaltigere Entwicklung der bebauten Umwelt erforderlich sind.




THEMA > Zurück in die Stadt?
Die meisten Schweizer Städte haben seit den Siebzigerjahren Einwohner verloren. Dieser Trend scheint sich nun abzuschwächen oder gar umzukehren. Das zeigen die Zwischenresultate eines Projektes, das seit gut einem Jahr im Rahmen des NFP 54 läuft. Dieser Trend bietet eine Chance zur nachhaltigen Stadtentwicklung durch Verdichtung des Siedlungsraumes.
Ein Forscherteam der Universität Neuenburg untersucht die Entwicklung der Bevölkerung in 25 Schweizer Städten. Die meisten Städte haben seit 1970 Einwohner verloren, wobei der Bevölkerungsverlust vor allem in den Siebzigerjahren erheblich war und sich dann bis ins Jahr 2000 abschwächte. «Interessant ist, dass gewisse Städte seit einigen Jahren wieder einen Bevölkerungszuwachs erleben», sagt Patrick Rérat, Geograf an der Uni Neuenburg.
Dies ist der Fall vor allem in Zürich, Winterthur, Lausanne und Genf. Zusammen haben diese Städte von 2000 bis 2005 fast 20’000 Einwohner dazu gewonnen. Auch in Städten mittlerer Grösse wie Neuenburg kann diese Trendumkehr beobachtet werden. Neuenburg hat von 2004 bis 2005 mehr als 500 Bewohner gewonnen. Dieser Zuwachs entsteht weil in Städten wieder mehr neue Wohnungen gebaut werden. Was vom wieder erwachten Interesse der Anleger an Immobilien in städtischen Gebieten zeugt sowie durch die städtische Siedlungspolitik zu erklären ist.
Doch wer zieht in die Städte? Um diese Frage zu beantworten, haben die Forscher die eidgenössischen Volkszählungen unter die Lupe genommen und drei grössere Trends festgestellt.

Internationale Migration
Die internationale Migration ist der Hauptgrund für den Zuwachs an Einwohnern in Städten. «Städte spielen die Rolle eines Türöffners», sagt Patrick Rérat. «Und zwar sowohl für die oberen Kader in multinationalen Unternehmen wie auch für wenig gebildete Arbeiter.»

Junge Erwachsene
Auch junge Erwachsene kommen wieder in die Stadt. Die Forschenden reden von Emanzipationsmigration. Junge Erwachsene ziehen in die Stadt für ihr Studium, ihre erste Arbeitsstelle oder ihre erste Wohnung. Dieses Phänomen existierte schon vor zwanzig Jahren, hat sich aber verstärkt, weil sich die jungen Erwachsenen heute später auf ihren Platz in der Arbeitswelt festlegen und später eine Familie gründen. Und genau während dieser tendenziell länger werdenden Lebensphase sind die Städte am attraktivsten für sie.

Höhere soziale Schichten
Eine spezielle Art der Zuwanderung lässt sich in Zürich beobachten. Die Stadt wird wieder attraktiver für sozial höhere Schichten. Die Forscher haben dafür den aus dem Englischen stammenden Begriff der Gentrifizierung geprägt. Er beschreibt einen Prozess, bei dem in einem Wohngebiet eine statusniedrigere Bevölkerung durch eine statushöhere ausgetauscht wird. In der Schweiz ist Gentrifizierung erst an wenigen Orten feststellbar, doch verschiedene Indizien deuten darauf hin, dass die Städte allgemein für diese sozialen Schichten an Attraktivität gewinnen. Rérat rechnet damit, dass sich diese Entwicklung in Zukunft verstärken wird.

Soziale Trends bei Verdichtung berücksichtigen
Zur nachhaltigen Siedlungsentwicklung gehört die Verdichtung der Städte, um die Zersiedelung zu bremsen. Dieses Projekt hat jedoch gezeigt, dass nicht alle Bevölkerungsschichten in die Stadt zurück wollen. «Das muss man bei der Stadtentwicklung berücksichtigen», fordert Rérat.
Die Stadt Lausanne tut dies bereits mit einem Projekt, das im Jahre 2005 für den Bau von 3'000 Wohnungen lanciert wurde. «Das Projekt nimmt in einem gewissen Sinn die Resultate unserer Untersuchung vorweg. Ein Drittel der Wohnungen werden subventioniert, zwei Drittel auf dem freien Markt angeboten», erklärt Rérat. Ein Projekt also, das die Rückkehr in die Stadt begünstigt, gleichzeitig aber die soziale Vielfalt der Bevölkerung berücksichtigt.
«Wir verstehen jetzt die verschiedenen Komponenten in der Dynamik der Städte besser», fasst der Forscher zusammen. Es bleibt aber zu untersuchen, entlang welcher Bahnen die Wohnortswechsel verlaufen, welches die Beweggründe der neuen Stadtbewohner sind und welche Rolle die lokalen Behörden sowie Private in diesem Prozess spielen.

Projekttitel: «Back to the City?»
Leitung: Prof. Etienne Piguet,
Prof. Ola Söderström.
Projektteam: Patrick Rérat,
Roger Besson.

Kontakt: Patrick Rérat
Institut de géographie
Université de Neuchâtel
Espace Louis Agassiz 1
2002 Neuchâtel
Telefon: 032 718 16 38
Mail: patrick.rerat@unine.ch





FOCUS > Wie lässt sich die Zersiedelung der Landschaft eindämmen?
«achtung: die Schweiz» lautete der Titel eines schmalen roten Büchleins, das schon 1955 vor einer unkontrolliert wachsenden Stadtlandschaft warnte. Die Autoren Lucius Burckhard, Max Frisch und Markus Kutter schlugen unter anderem vor, die Siedlungsfläche zu begrenzen. Bewirkt hat der Aufruf wenig. Ein NFP-54-Projekt entwickelt Messgrössen, um die Zersiedelung objektiv zu quantifizieren.
Die Zersiedelung in den Landschaften der Schweiz ist augenfällig: Siedlungsflächen sind weit in der Landschaft verstreut. Wobei diese Zersiedelung nicht nur Folge des Bevölkerungswachstums ist, sondern mehr noch Ausdruck eines veränderten Lebensstils mit höheren Ansprüchen an Wohnraum und Mobilität. Und sie bringt zahlreiche negative ökologische, ästhetische und wirtschaftliche Folgen mit sich: Verlust von Freiflächen und Naherholungsgebieten, geringe Bebauungs- und Bevölkerungsdichte, räumliche Trennung von Wohnen und Arbeit sowie hohe Pendlerzahlen.
Deshalb wird die Zersiedelung weit herum kritisiert. Doch um das Problem auch quantitativ zu diskutieren, fehlte es bisher an Instrumenten und Daten, die einen Vergleich der Zersiedelung in verschiedenen Regionen erlauben. Was bisher lediglich angegeben wurde, war die beanspruchte Fläche, unabhängig vom Grad ihrer Streuung.
Die dringend nötigen Messgrössen wurden jetzt von einem Forschungsteam unter der Leitung von Jochen Jaeger vom Departement für Umweltwissenschaften der ETH Zürich entwickelt.

Messgrösse für die Zersiedelung entwickelt
Als neue Messgrösse für die Zersiedelung definierten die Forschenden das Mass der Urban permeation (UP), die urbane Durchdringung der Landschaft. Diese Grösse setzt sich aus zwei Anteilen zusammen:

UP = Streuung x Siedlungsfläche : Grösse der Landschaft

Hierbei wird die Streuung der Siedlungsflächen als Dispersion (DIS) bezeichnet. Die Einheit von DIS ist «Durchsiedlungseinheiten pro m2 Siedlungsfläche».
Die Einheit der urbanen Durchdringung (UP) wird in Durchsiedlungseinheiten pro km2 angegeben (abgekürzt: DSE pro km2). Somit gibt die UP nicht nur an, wie gross die Siedlungsfläche, sondern auch wie stark gestreut sie ist. Damit können Landschaften unterschiedlicher Grösse verglichen werden.
Die so definierten Werte für UP und DIS wurden dann konkret für drei Zeitpunkte für alle Kantone und die Schweiz als Ganzes berechnet.

Urbane Durchdringung stark gestiegen
Die Berechnungen zeigen: die urbane Durchdringung hat seit 1960 in allen Kantonen und für die Schweiz insgesamt stark zugenommen (siehe Abb. 1). Die höchsten Werte haben heute die Kantone Basel-Stadt (53.13 DSE pro km2) und Genf (19.62). Es folgen Zürich (13.98), Basel-Landschaft (12.04), Aargau (11.26) und Solothurn (9.74). Die geringsten Werte weisen Uri (0.83), Graubünden (0.85) und Glarus (1.54) auf. Diese Zahlen zeigen, wie gross die Unterschiede sind und wie sich Gruppierungen von stark und weniger stark zersiedelten Gebieten bilden lassen. Überall aber nimmt die Zersiedelung weiter zu.

Auch Zunahme der Streuung
Die Streuung (deren Wert im Wert von UP enthalten ist) kann mit verschiedenen Massstäben ermittelt werden. Jaeger und sein Team haben sich für einen Massstab von 5 Kilometern entschieden. Dies entspricht etwa dem Radius, den Erholungssuchende in der Landschaft überblicken. Je stärker die Siedlungsflächen geklumpt angeordnet sind, umso geringer ist der Wert von DIS.
Auch hier zeigt sich in den letzten 40 Jahren eine relevante Zunahme von 73.37 auf 73.85 DSE pro m2 Siedlungsfläche, wenn man bedenkt, dass eine völlig zufällige Verteilung den Wert 78.96 DSE pro m2 hat. Dies bedeutet, dass Neuerstellung von gestreuten Siedlungen gegenüber einer Verdichtung bestehender Siedlungen überwogen hat.

Streuung und Fläche zusammen prägen die Zersiedelung
Wenn man die ermittelten UP-Werte für verschiedene Kantone vergleicht, kann man erkennen, dass die Zersiedelung an gewissen Orten mehr auf eine Zunahme der Streuung, an anderen mehr auf die Ausdehnung der Siedlungsfläche zurückzu-
führen ist. So hat zum Beispiel im Kanton Obwalden die Streuung zwischen 1960 und 1980 abgenommen, ist aber nach 1980 wieder angestiegen. In Schaffhausen und Aargau hat sie über den ganzen Zeitraum zugenommen. In Appenzell-Innerrhoden hingegen sank die Streuung seit 1960 bis heute kontinuierlich, aber trotzdem hat die Zersiedelung (gemessen in UP) zugenommen. Nur in 10 Kantonen hat die Streuung seit 1980 etwas abgenommen.

Indikatoren für Landschaftsqualität
Die Resultate sollen als Indikatoren für die Umweltbeobachtung eingesetzt werden. Zwar geben die neuen Messgrössen nicht direkt Auskunft über die Qualität einer Landschaft, aber sie lassen sich dazu verwenden, um sich einer Beschreibung der Landschaftsqualität auf quantitativem Weg zu nähern. In dieser Hinsicht gleichen die neu geschaffenen Indikatoren anderen Umweltindikatoren.
Wie stark die Zersiedelung tatsächlich die Qualität der Landschaft beeinträchtigt, hängt von zahlreichen weiteren Faktoren ab, wie zum Beispiel der Empfindlichkeit des Landschaftsbildes. Jedoch zeigen die in diesem Projekt erfassten Zeitreihen auf, ob und wie schnell sich die Belastung weiter erhöht und wie stark die Landschaftsqualität demnach voraussichtlich beeinträchtigt wird.

Projekttitel: «Landschaftszersiedelung in der Schweiz: Quantitative Analyse 1935-2002 und Folgerungen für die Raumplanung»
Leitung: PD Dr. Felix Kienast (WSL Birmensdorf)
Projektteam: Jochen Jaeger, ETH Zürich; René Bertiller,
Forstingenieur ETH, Wald – Natur – Landschaft, Zürich; Christian Schwick, Schwick & Spichtig, Zürich

Kontakt: Dr. Jochen Jaeger
Ecosystem Management
ETH Zürich, Departement für Umweltwissenschaften D-UWIS
Universitätstrasse 22, CHN F 73.2, 8092 Zürich
Telefon: 044 632 08 26, Mail: jochen.jaeger@env.ethz.ch



AKTUELL > Neue Projekte bewilligt
Der Nationale Forschungsrat hat in seiner Sitzung vom 13. Dezember 2006 acht neue Projekte der Zweitausschreibung bewilligt. Die Forschungsarbeit zu diesen Projekten wird anfangs 2007 aufgenommen. Die Projekte haben eine Dauer von 24 Monaten, so dass sie zusammen mit den schon laufenden Arbeiten abgeschlossen werden können. Die Projekte bearbeiten Fragen aus den Bereichen Raumplanung, Infrastruktur und Demografie.
Eine Liste der Projekte finden Sie auf der Website.




   3_69937_NFP54_Newsletter.pdf (827 KB)
Logo SNF